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Dossier: Fit für Fachkräfte
Bild: 123RF/Montage htr

Dossier: Fit für Fachkräfte

Fit für Fachkräfte

Nachwuchs- und Fachkräftemangel stellt die Schweizer Hotellerie vor grosse Herausforderungen. Die htr beleuchtet die Problematik in einer losen Artikelserie und zeigt Lösungen auf.

Der Fachkräftemangel in der Gastro- und Beherbergungsbranche hat sich während der Pandemie akut verschärft. In einer losen Artikelserie beleuchten wir die Thematik aus unterschiedlichen Blickwinkeln und zeigen Möglichkeiten auf, wie die Branche Fachleute gewinnen und halten kann.

Fit für Fachkräfte

Gut für die Angestellten und die Hotelauslastung

Fringe Benefits machen Arbeitgeber attraktiver. Doch oft halten sich kleine Betriebe mit solchen Angeboten zurück. HotellerieSuisse will das ändern.
Wenn wegen Kurzarbeit das Trinkgeld mager ausfällt, verschärft das den Fachkräftemangel im Gastgewerbe. Fringe Benefits können helfen, Gegensteuer zu geben.
Wenn wegen Kurzarbeit das Trinkgeld mager ausfällt, verschärft das den Fachkräftemangel im Gastgewerbe. Fringe Benefits können helfen, Gegensteuer zu geben.

Dass Angestellte im Gastgewerbe selten Spitzenverdiener sind, ist kein Geheimnis. Gerade in Zeiten von Kurzarbeit hat das Thema Lohn aber akut an Bedeutung gewonnen: Wer auf einmal mit nur 80 Prozent des eh schon tiefen Gehalts und dazu noch mit weniger Trinkgeld auskommen muss, kommt finanziell rasch an seine Grenzen. Aus der Branche ist zu hören, das habe den Fachkräftemangel deutlich verschärft.

Ein Mittel, um dem entgegenzuwirken und die Gesamtvergütung der Angestellten zu verbessern, sind Lohnnebenleistungen – auf Neudeutsch: Fringe Benefits. Dazu gehören etwa vergünstigte Personalwohnungen, Gratisessen im Betrieb oder Rabatte bei Lieferanten und Kooperationspartnern.

Kleine Betriebe finden: Zu kompliziert, zu teuer
Doch gerade kleine Betriebe schrecken oft davor zurück, Fringe Benefits anzubieten. Sie halten diese für zu kompliziert oder zu teuer, wie eine Analyse zum Thema Fachkräfte zeigt, die das Büro Ecoplan 2018 im Auftrag von HotellerieSuisse erstellt hat.

Die Autoren kommen darin zum Schluss: «Um das Potenzial von Fringe Benefits auszuschöpfen, sind sowohl der Verband als auch die einzelnen Betriebe gefordert.» Die Betriebe sollten vor allem an ihrer Kommunikation arbeiten. Denn viele bekundeten Mühe, die gebotenen Leistungen und deren Vorzüge den Angestellten gegenüber richtig zu verkaufen. Derweil solle HotellerieSuisse beim Entwickeln und Einsetzen von Fringe Benefits helfen, so der Report.

Nun hat der Verband gleich zwei Fringe-Benefits-Programme lanciert.

Mehr Geld auf dem Konto der Angestellten
Erstens hat HotellerieSuisse die Fringe-Benefits-Plattform Swibeco als Premium Partner gewonnen. Das Unternehmen aus Lausanne übernimmt für seine Kunden etwa das Verhandeln und Pflegen von Vergünstigungen. Weil es das für zig Kunden macht, schlägt es dabei in der Regel bessere Konditionen heraus als ein einzelnes KMU.

Die Plattform ist eine White-Label-Lösung, und die Kunden können sie mit dem eigenen Logo und eigenen Bildern versehen. Zudem: Wenn eine Hotelière oder ein Hotelier bereits selber Vergünstigungen ausgehandelt hat, zum Beispiel die Angestellten beim Weinlieferanten oder im befreundeten Restaurant vis-à-vis 10 Prozent Rabatt geniessen, können diese auf der Plattform integriert werden.

Aktuell bietet Swibeco Vergünstigungen bei rund 150 Partnerunternehmen – darunter Migros, Coop, Zalando und Galaxus. Die gewährten Rabatte reichen je nach Anbieter von 5 bis 35 Prozent. Diese sind steuer- und sozialabgabenfrei.

Der Arbeitgeber bezahlt pro registrierte Person eine Nutzungsgebühr. Wie hoch diese ist, hängt von der Zahl der Angestellten und der gewählten Vertragsdauer ab. Laut Swibeco kann ein KMU mit jährlichen Gebühren pro Person von ungefähr 100 Franken rechnen. Die Plattform steht allen offen, HotellerieSuisse-Mitglieder erhalten aber 25 Prozent Rabatt auf die Gebühren.

Das kann zu wertvoller Mund-Propaganda verhelfen
Zweitens hat der Hotelverband auf Anregung der Association Romande des Hôteliers die «Staff-Deals» initiiert. Das Konzept: Hotels lassen die Angestellten anderer Hotels vergünstigt bei sich übernachten.

Das Interesse daran ist gross: Schon vor der offiziellen Lancierung am Mittwoch haben sich laut HotellerieSuisse über 160 Betriebe gemeldet. Einer davon ist das Hotel Europe in Zermatt. Dessen Direktorin Corinne Julen hat in der Vergangenheit selber vergleichbare Aktionen durchgeführt und damit sehr gute Erfahrungen gemacht.

«Hotelangestellte sind interessante Gäste, weil sie dann frei haben, wenn in der Hotellerie nicht viel los ist.»

Corinne Julen
Direktorin Hotel Europe, Zermatt

Gemäss Julen profitieren nicht nur die Angestellten. Auch für das Hotel sieht sie Vorteile. Beispielsweise seien Hotelangestellte interessante Gäste, weil sie dann frei haben, wenn in der Hotellerie nicht viel los ist – in der Nebensaison oder unter der Woche. Und weil sie in der Regel ihre Arbeitspläne kurzfristig erhalten, buchen sie kurzfristig. Zudem könnten sie zu wertvoller Mund-Propaganda verhelfen, «wenn zum Beispiel einer meiner Gäste nach Zürich weiterreist und bei uns am Empfang nach einem guten Hotel dort fragt». [DOSSIER]

Der Ablauf von Staff-Deals ist simpel: Der interessierte Betrieb meldet sich beim Verband und wird auf der Website aufgeschaltet. Wenn eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter bei ihm übernachten möchte, wird er per Mail kontaktiert. Um Missbrauch zu verhindern, müssen die Angestellten für ihre Anfrage die geschäftliche Mailadresse verwendet und die HR-Verantwortlichen oder jemanden aus der Direktion ins CC nehmen. Der gewährte Rabatt beträgt 50 Prozent. Das kontaktierte Hotel kann die Anfrage allerdings auch ablehnen.

Im Sommer will HotellerieSuisse mit den Betrieben ein erstes Fazit ziehen und allfällige Nachbesserungen vornehmen.

Fachkräftemangel

Die 4-Tage-Woche macht Schule

Drei Tage frei bei einem Vollzeitpensum? Doch, das geht. Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, testen Betriebe wie das Park Hotel Winterthur zeitgemässe Arbeitsmodelle.
Das Küchenteam des Park Hotel Winterthur ist bereit für die 4-Tage-Woche (v.l.): Selina Flaim, Küchenchef Angelo Zarbo, Susana Alves da Costa, Tommy Heider, Hoteldirektor Philipp Albrecht und Dede Onu Afamefana.
Das Küchenteam des Park Hotel Winterthur ist bereit für die 4-Tage-Woche (v.l.): Selina Flaim, Küchenchef Angelo Zarbo, Susana Alves da Costa, Tommy Heider, Hoteldirektor Philipp Albrecht und Dede Onu Afamefana. Bild: Corinne Glanzmann
Bild: Corinne Glanzmann

Die Nachricht war ein Paukenschlag: Die 25 hours Hotels in Hamburg testen ab November die 4-Tage-Woche, um dem Fachkräftemangel  entgegenzuwirken. Endlich also bewegt sich etwas, die Beherbergungsbranche schärft ihr Image als attraktive Arbeitgeberin. Die deutsche Fachpresse schwärmte sogar von einem «Gamechanger» – durchaus zu Recht. Denn: In den Hamburger 25 hours Hotels kann man statt 40 Stunden lediglich 36 Stunden in der Woche bei einem 100-Prozent-Pensum und gleichem Lohn arbeiten. Das sind neun Stunden an vier Tagen. «Die vier Stunden, die pro Woche übrig bleiben, sollen als Puffer für Überstunden genutzt werden. Wenn das Modell funktioniert, sollten diese aber nur im Worst Case gebraucht werden», sagt Kathrin Gollubits, HR-Leiterin bei 25 hours.

Die Vorteile:
USP auf dem Arbeitsmarkt: Wer eine 4-Tage-­Woche anbietet, gilt als attraktiver Arbeitgeber.
Weniger Fluktuation: Die 4-Tage-Woche ist ein Trumpf bei der Mitarbeiterbindung. 
Gefühlt mehr Freizeit: Auch wenn man bei einer 4-Tage-Woche 42 Stunden arbeitet, fühlt sich ein zusätzlicher freier Tag wie «dazugewonnen» an.
Fokussierte Arbeitsweise: Wenn die Zimmerstunde wegfällt, ist der Tag weniger zerstückelt, und man ist konzentrierter.
Mehr Sozialleben: Ein freier Tag und vor allem ein freier Abend mehr pro Woche bedeutet mehr Zeit für Freunde und Familie.

Fällt dennoch Überzeit an, weil zum Beispiel eine Extraschicht eingelegt werden muss, kommen die Stunden auf ein Überzeitkonto, das am Ende des Kalenderjahres jedoch auf null gesetzt wird. «Geleistete Überstunden sind dann im Lohn enthalten, ungenutzte Überstunden sind für die Work-Life-Balance der Mitarbeitenden gut.» Ist das Pilotprojekt erfolgreich, plant 25 hours, die 4-Tage-Woche ab 2022 in allen Hotels einzuführen. Bald könnte also auch in den beiden Zürcher Hotels eine verkürzte Arbeitswoche der Normalfall sein.

Arbeitsprozesse anpassen
In der Schweiz ist die 4-Tage-Woche ebenfalls ein viel diskutiertes Thema – allerdings in einer abgespeckten Variante: Die 42-Stunden-Woche soll nicht mehr auf fünf, sondern bloss noch auf vier Tage verteilt werden, mit dem Resultat, dass ein Arbeitstag in der Regel 10 Stunden hätte. Roger Jutzi, Direktor des Zürcher Hotel Krone Unterstrass und Befürworter von zeitgemässen Arbeitsmodellen, sieht in der Schweiz wenig Chancen, die 42-Stunden-Woche wie in Deutschland zu reduzieren: «Man müsste insbesondere in der Küche und im Service entweder mehr Vollzeitstellen schaffen oder die Teilzeitstellen ausbauen, die das Stundendefizit ausgleichen.» Laut Jutzi würde sich das kaum rechnen.

Der Hotelier hat in seinem Betrieb bereits vor acht Jahren moderne Arbeitszeiten eingeführt, indem er die Zimmerstunde abschaffte. Die Angestellten arbeiten am Nachmittag durch, die Überstunden können sie kumulieren und als Freitage kompensieren. Die Vorteile liegen auf der Hand: Jutzis Mitarbeitende haben gefühlt mehr Freizeit, sie können ihre sozialen Kontakte besser pflegen, ausserdem ist es ökologischer und günstiger, den Arbeitsweg nur einmal statt zweimal am Tag zurückzulegen.

Mitarbeitende haben gefühlt mehr Freizeit, ausserdem ist es ökologischer und günstiger, den Arbeitsweg nur einmal statt zweimal am Tag zurückzulegen.

Allerdings bedurfte bereits die Abschaffung der Zimmerstunde vieler Veränderungen in den Arbeitsprozessen. «Wir mussten unsere Abläufe in der Küche neu denken und betriebliche Anpassungen machen.» So bleibt zum Beispiel das Restaurant am Samstagmittag geschlossen, Gäste empfängt das Hotel Krone Unterstrass erst am Abend.

Ein zusätzlicher Tag frei
Branchenkollege Philipp Albrecht, Direktor des Park Hotel Winterthur, geht noch einen mutigen Schritt weiter: Ab Dezember testet er in der Küche zwei Monate lang die 4-Tage-Woche. Das heisst: Seine sieben Mitarbeitenden werden vier Tage in der Woche 10,5 Stunden arbeiten – mit einer Stunde Pause. Dafür haben sie einen zusätzlichen Tag frei.

«Gesetzlich ist das möglich», sagt Annette Rupp, Fachspezialistin Rechtsdienst bei HotellerieSuisse. Die Höchstarbeitszeit im Gastgewerbe beträgt 14 Stunden pro Tag, bei Nachtarbeit höchstens 9. Wird mehr als 9 Stunden pro Tag gearbeitet, muss eine Pause von einer Stunde gewährleistet sein und eine Nachtruhezeit von 11 Stunden eingehalten werden.

«Der Küchenchef ist Feuer und Flamme für das Pilotprojekt der 4-Tage-Woche.»

Philipp Albrecht, Direktor Park Hotel Winterthur

«Uns war klar, wir müssen handeln», sagt Albrecht. «Corona hat den Fachkräftemangel derart verstärkt, dass wir unsere Öffnungszeiten anpassen mussten. Deshalb haben wir beschlossen, die Arbeitszeiten attraktiver zu gestalten.» Die Rückmeldungen aus dem Küchenteam, ob man sich eine 4-Tage-Woche überhaupt vorstellen könne, seien sehr positiv gewesen. «Der Küchenchef war zwar anfangs etwas skeptisch, nachdem wir aber mehrere Einsatzszenarien und Prozessanpassungen durchgegangen sind, ist er nun Feuer und Flamme für das Pilotprojekt», sagt Albrecht.[DOSSIER]

Ein USP auf dem Jobmarkt
Der Hotelier verspricht sich von der 4-Tage-Woche einige Vorteile: Das zeitgemässe Modell ist derzeit ein Alleinstellungsmerkmal auf dem Schweizer Stellenmarkt. Zudem hofft Albrecht, dass er die Mitarbeitenden dank attraktiven Arbeitsbedingungen auch zum Bleiben animieren und die Fluktuation in seinem Betrieb reduzieren kann. «Die Mitarbeitenden haben zwar längere Arbeitstage, aber einen zusätzlichen Tag und vor allem auch am Abend frei, um sich mit Freunden zu treffen oder bei der Familie zu sein.»

Klar, haben inzwischen auch andere Player das Potenzial erkannt und die 4-Tage-Woche bereits auf dem Radar, wie eine kleine Umfrage ergab. The Living Circle zum Beispiel hat eine Taskforce gebildet, die sich mit dem Thema auseinandersetzt. Bei den Sunstar Hotels ist man sehr interessiert daran, «die Arbeitsmodelle neu zu denken» und ab 2022 allenfalls Änderungen vorzunehmen. Die SV Group wiederum schliesst nicht aus, «die 4-Tage-Woche in Zukunft konkret zu prüfen». Es bleibt also spannend.

Gute Erfahrungen mit der 4-Tage-Woche in Österreich
Was andere erst angehen, setzt das Hotel Aviva in Ober­österreich bereits seit 2018 erfolgreich um. Im mittelgrossen Ganzjahresbetrieb, der sich auf Single-Reisende spezialisiert hat, gilt für alle, die es möchten, die 4-Tage-Woche – mit 10 Stunden pro Tag. «So arbeiten bei uns alle Abteilungen ausser dem Housekeeping, da hat sich das Team selbst dagegen entschieden», sagt Geschäftsführer und Miteigentümer Christian Grünbart.
Sein Fazit nach knapp vier Jahren: «Das Team ist motivierter und ausgeruhter, weil sich ein zusätzlicher freier Tag wie ein Kurzurlaub anfühlt.» Zudem sparen die Angestellten Zeit und Fahrtkosten, weil sie keine lange Arbeitsunterbrechung am Nachmittag mehr haben. Obwohl die Arbeitstage länger sind, erlebt Grünbart sein Team als produktiver. «Die Leute machen weder mehr Fehler, noch sind sie öfter krank.» Seither habe man im Betrieb auch weniger Fluktuation. Damit sich die Mitarbeitenden im neuen Arbeitsmodell wohlfühlen, mussten jedoch erst die Arbeitsprozesse verändert, vereinfacht oder digitalisiert werden.
So bekommt der Gast seine «Morgenpost» zum Beispiel nicht mehr auf Papier, sondern automatisch generiert per App. «Die Mitarbeitenden der Réception sparen dadurch zwei Stunden Arbeitsaufwand», so Grünbart. «Beim Frühstück und Abendessen wiederum bereitet das Team vieles vor, sogar zwei bis drei Tage im Voraus.» An seine Grenzen stösst das System vor allem im Service: «Da müssen wir gut schauen, dass die Leute nicht zu viele Überstunden anhäufen, und wenn jemand kurzfristig ausfällt, ist es organisatorisch oft eine Herausforderung.»