Gastronomie: Von der Notwendigkeit zum Lifestyle
Um die Jahrhundertwende, also zu der Zeit, als auch die htr hotelrevue ins Leben gerufen wurde, veränderte sich die Gastronomie massgeblich. Anlässlich unseres 130-Jahr-Jubiläums blicken wir zurück auf diese bewegte Zeit.
Mischa Stünzi
Um die Jahrhunderwende kam nicht nur der Begriff Restaurant auf, sondern der Besuch in ebendiesem wurde auch von der Notwendigkeit zum Vergnügen. Das Bild aus dem Jahr 1899 stammt vermutlich aus dem Hotel Thunerhof in Thun. Um die Jahrhunderwende kam nicht nur der Begriff Restaurant auf, sondern der Besuch in ebendiesem wurde auch von der Notwendigkeit zum Vergnügen. Das Bild aus dem Jahr 1899 stammt vermutlich aus dem Hotel Thunerhof in Thun. image : ETH-Bibliothek
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Viele Landgasthöfe konzentrierten sich auf die Gastronomie Lange Zeit hatten Wirtshäuser in der Schweiz einen Sonderstatus. Es waren nicht einfach privat geführte Unternehmen, die nach eigenem Gutdünken wirtschaften konnten. Nein, sie galten als öffentliche Einrichtungen und waren beispielsweise verpflichtet, genügend Vorräte zu haben, um jedermann zu bewirten, der dafür bezahlen konnte und nicht von Rechts wegen ausgeschlossen werden durfte. Auswärts essen gingen die meisten Leute nicht in erster Linie aus Freude, sondern primär um satt zu werden.
Der Gasthof zum Sternen in Unterwasser SG im Jahr 1889. Anders als viele Landgasthöfe verzichtete er nicht auf die Beherbergung: 1935 wurde ein Hoteltrakt angebaut, der dem Haus seine heutige Form gab. Der Gasthof zum Sternen in Unterwasser SG im Jahr 1889. Anders als viele Landgasthöfe verzichtete er nicht auf die Beherbergung: 1935 wurde ein Hoteltrakt angebaut, der dem Haus seine heutige Form gab. image : ETH-Bibliothek
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Gasthaus und Brauerei zum Bären in Zofingen AG. Bild um 1890. Gasthaus und Brauerei zum Bären in Zofingen AG. Bild um 1890. image : ETH-Bibliothek
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Gäste im Gasthaus Schlegwegbad in Linden BE. Bild von 1907. Gäste im Gasthaus Schlegwegbad in Linden BE. Bild von 1907. image : ETH-Bibliothek
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Das Schlegwegbad war weit über das Bernbiet hinaus bekannt für sein eisenhaltigs Wasser. Bild des Restaurants aus dem Jahr 1907. Das Schlegwegbad war weit über das Bernbiet hinaus bekannt für sein eisenhaltigs Wasser. Bild des Restaurants aus dem Jahr 1907. image : ETH-Bibliothek
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Restaurant Schlegwegbad im Jahr 1907: Zu dieser Zeit boomte der Badetourismus im Emmentaler Ort Linden. Restaurant Schlegwegbad im Jahr 1907: Zu dieser Zeit boomte der Badetourismus im Emmentaler Ort Linden. image : ETH-Bibliothek
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Der Boom war so gross, dass 1910 ein Kurhotel mit 120 Gästebetten eröffnet wurde. Doch mit dem Ersten Weltkrieg kam der Bädertourismus in Linden zum Erliegen. Das Hotel wurde 1971 vom Militär zur Kaserne umgebaut. Der Boom war so gross, dass 1910 ein Kurhotel mit 120 Gästebetten eröffnet wurde. Doch mit dem Ersten Weltkrieg kam der Bädertourismus in Linden zum Erliegen. Das Hotel wurde 1971 vom Militär zur Kaserne umgebaut. image : ETH-Bibliothek
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Das änderte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts. Reisen wurde vermehrt zum Freizeitvergnügen, und das Gastgewerbe teilte sich in zwei Sparten: auf der einen Seite entstanden Hotels, die sich oft als vornehm positionierten und um gutbetuchte Reisende buhlten; auf der anderen Seite konzentrierten sich die Landgasthöfe vermehrt auf die Gastronomie und verzichteten immer öfter auf Gästezimmer.
Speisesaal im 1912 eröffneten Luxushotel Suvretta House in St. Moritz. Speisesaal im 1912 eröffneten Luxushotel Suvretta House in St. Moritz. image : Sammlung Roland Flückiger
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Ausdruck des neuen Stellenwerts der Gastronomie: Das 1909 eröffnete Berner Casino verband Auswärtsessen mit Kultur und Gesellschaft. Postkarte mit Stempel von 1910. Ausdruck des neuen Stellenwerts der Gastronomie: Das 1909 eröffnete Berner Casino verband Auswärtsessen mit Kultur und Gesellschaft. Postkarte mit Stempel von 1910. image : ETH-Bibliothek
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Der grosse Festsaal des Hotels Bär in Arbon TG, festlich geschmückt für eine Hochzeit. Bild um 1910. Der grosse Festsaal des Hotels Bär in Arbon TG, festlich geschmückt für eine Hochzeit. Bild um 1910. image : ETH-Bibliothek
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Grand Café Unionplatz in St.Gallen. Postkarte mit Stempel von 1916. Grand Café Unionplatz in St.Gallen. Postkarte mit Stempel von 1916. image : ETH-Bibliothek
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Auf einmal hatten die Gäste die Qual der Wahl Gleichzeitig entstand um die Jahrhundertwende eine bürgerliche Esskultur. Auf einmal stand beim Essengehen die Freude am Essen und die Gesellschaft im Zentrum. Ins Restaurant ging man nicht mehr nur, um den Hunger zu stillen, sondern weil man sich etwas Gutes tun wollte.
Das Restaurant Olivenbaum in Zürich im Jahr 1904, eines von mehreren alkoholfreien Lokalen des «Frauenvereins für Mässigkeit und Volkswohl» - der heutigen Genossenschaft ZFV-Unternehmungen (ZFV). Die erste alkoholfreie Kaffeestube, zum Kleinen Marthahof in Zürich, eröffnete der Verein bereits 1894. Das Restaurant Olivenbaum in Zürich im Jahr 1904, eines von mehreren alkoholfreien Lokalen des «Frauenvereins für Mässigkeit und Volkswohl» - der heutigen Genossenschaft ZFV-Unternehmungen (ZFV). Die erste alkoholfreie Kaffeestube, zum Kleinen Marthahof in Zürich, eröffnete der Verein bereits 1894. image : Genossenschaft ZFV-Unternehmungen
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Der Keller des 1715 erbauten Berner Kornhauses wurde zwischen 1896 und 1898 zum grossen Festlokal umgebaut. Bild um 1900. Der Keller des 1715 erbauten Berner Kornhauses wurde zwischen 1896 und 1898 zum grossen Festlokal umgebaut. Bild um 1900. image : ETH-Bibliothek
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Dieses neue Bedürfnis hat die Branche massgeblich verändert: Die Zahl der Restaurants schnellte in die Höhe, und auch die Auswahl wurde grösser: Die Gäste konnten plötzlich wählen, ob sie lieber in die Bierstube oder in eine der neuen alkoholfreien Gaststätten gehen wollen, ins vegetarische Restaurant oder zur Metzgete ins Wirtshaus.
Es erstaunt nicht, dass in dieser Zeit der Diversifizierung auch viele Nationalgerichte entstanden oder ihren Durchbruch erlebten – etwa das Raclette, das Cordon Bleu und das Zürcher Geschnetzelte.
Eine Zukunft, die nicht eintraf
So stellte man sich damals die Zukunft der Gastronomie vor: Automatenrestaurant um 1910 in der Georgspassage von Hannover. So stellte man sich damals die Zukunft der Gastronomie vor: Automatenrestaurant um 1910 in der Georgspassage von Hannover. image : WIkimedia/Friedrich Reinecke
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Auch in der Schweiz kamen um die Jahrhundertwende Automatenrestaurants auf: Automatisches Restaurant Zürich, Bahnhofstrasse 83. Postkarte mit Stempel von 1915. Auch in der Schweiz kamen um die Jahrhundertwende Automatenrestaurants auf: Automatisches Restaurant Zürich, Bahnhofstrasse 83. Postkarte mit Stempel von 1915. image : ETH-Bibliothek
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Erfunden wurden Automatenrestaurants aber in Deutschland. Detail einer Postkarte aus Hannover von 1901. Erfunden wurden Automatenrestaurants aber in Deutschland. Detail einer Postkarte aus Hannover von 1901. image : Wikimedia/Historisches Museum Hannover
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Ende des 19. Jahrhunderts glaubte man auch, die Zukunft der Gastronomie entdeckt zu haben, als in Deutschland das Automatenrestaurant entwickelt wurde. Hinter in Messing gefassten Glasscheiben standen die portionierten Gerichte parat: Pasteten, Wurst mit Kartoffeln, Bohnen mit Speck, Torten. Gegen den Durst bedienten sich die Gäste direkt am Zapfhahn. Bezahlt wurde entweder am Münzschlitz am Automaten oder an einem Schalter.
Bald einmal entstanden auch in der Schweiz solche Etablissements. Ganz wild darauf waren aber die Amerikaner. Bis in die 1950er-Jahre entstanden in den USA um die 80 Automatenrestaurants. Der anfängliche Hype flachte allerdings rasch ab. Keine 30 Jahre später waren die Automatenlokale auch in Amerika praktisch komplett von der Landkarte verschwunden: Bis 1979 schrumpte ihre Zahl auf zwei Stück.
Für satte Angestellte und den sozialen Frieden
Essenssaal der Strickwarenfabrik Ryff & Co. in Bern um 1920. Essenssaal der Strickwarenfabrik Ryff & Co. in Bern um 1920. image : ETH-Bibliothek
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Gastraum der Bühler-Kantine in Uzwil um 1918. Gastraum der Bühler-Kantine in Uzwil um 1918. image : SV Group
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Nicht zuletzt haben wir der Zeit um die Jahrhundertwende die Erfindung der Betriebskantine zu verdanken: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam es beim Industrieunternehmen Bühler in Uzwil immer wieder mal zu Arbeitskonflikten. Weil mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zudem Lebensmittel deutlich teurer wurden, verschärften sich die Auseinandersetzungen. Der Patron musste handeln: Er beauftragte den 1914 von Else Züblin-Spiller gegründeten Schweizer Verband Soldatenwohl – die heutige SV Group – mit der Planung einer Betriebskantine. Und am 12. Januar 1918 wurde die erste Kantine der Schweiz eröffnet. Anfangs kostete das Mittagessen 85 Rappen, später einen Franken, was in etwa einem Stundenlohn entsprach.
Das Angebot wurde zum Erfolg. Einerseits konnten so die Streitigkeiten beseitigt werden. Andererseits mussten die Angestellten am Mittag nicht mehr nach Hause fahren, um sich zu verpflegen. Die Dauer der Mittagspause konnte damit auf eine Stunde halbiert werden. Das Geschäftsmodell erwies sich als derart erfolgreich, dass auch weitere Fabrikanten eine Kantine haben wollten. Bis 1919 entstanden allein unter der Leitung des SV 30 solcher Betriebe – namentlich in der Textilindustrie, aber auch im Maschinenbau, in chemischen Fabriken und in der Uhrenindustrie.
Holz für den Kochherd, Eisblöcke für den Eisschrank
Für die Kantinenküche beim Maschinenbauer Bühler wurde 1920 eine Abwaschmaschine der Marke «Tornado» für 3000 Franken angeschafft. Für die Kantinenküche beim Maschinenbauer Bühler wurde 1920 eine Abwaschmaschine der Marke «Tornado» für 3000 Franken angeschafft. image : SV Group
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Die Küche des Grand Hotels Hungaria in Budapest. Rechts auf der Postkarte aus dem Jahr 1900 ist Chefkoch Ferenc Jurkovits zu erkennen. Die Küche des Grand Hotels Hungaria in Budapest. Rechts auf der Postkarte aus dem Jahr 1900 ist Chefkoch Ferenc Jurkovits zu erkennen. image : Wikimedia/Klösz György
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Küche im Café-Restaurant De Bisschop in Amsterdam im Jahr 1904. Küche im Café-Restaurant De Bisschop in Amsterdam im Jahr 1904. image : Wikimedia/Stadsarchief Amsterdam
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Küche (vermutlich aus einem Herrschaftshaus in Boston) im Jahr 1896. Küche (vermutlich aus einem Herrschaftshaus in Boston) im Jahr 1896. image : Wikimedia
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Die Küche im Restaurant Delmonico's in New York City im Jahr 1902. Die Küche im Restaurant Delmonico's in New York City im Jahr 1902. image : Wikimedia
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Hinter den Kulissen war zu der Zeit eine Menge Handarbeit angesagt. Abwaschmaschinen zum Beispiel kamen erst ums Jahr 1920 auf. Zwar wurde an der Weltausstellung 1893 in Chicago der erste Elektroherd vorgestellt. Bis sich dieser durchsetzte, dauerte es aber. Glücklich schätzen konnte sich, wer einen Gasherd hatte. Nicht selten wurde aber auch mit Holz, Kohle oder Torf eingefeuert. Eine Erleichterung waren sogenannte Kochkisten, die mit einem heissen Schamottstein beheizt wurden und in denen das Essen langsam bei niedriger Hitze garte – eine ursprüngliche Form des Niedergarens.
Leicht verderbliche Lebensmittel wurden nicht im Kühlschrank, sondern im Eisschrank gelagert. Technisch war es damals zwar bereits möglich, künstlich Kälte zu erzeugen. In der Küche nutzte man aber bis Ende der 1920er-Jahre mehrheitlich Eisblöcke, die in eine isolierte Holzkiste gesteckt wurden, um Lebensmittel zu kühlen.