Von Mailand sind es gerade mal 70 Kilometer bis nach Lugano.  Auch von Verona oder Turin aus ist die Tessiner Tourismusregion schnell erreicht. Ein klarer Vorteil, jedoch ist die Schweiz für italienische Gäste auch teurer. Wie damit umgehen? «Wir setzen auf Anreize und entwickeln Übernachtungspakete, die den Aufenthalt optimal mit unseren Produktsegmenten kombinieren», so Massimo Boni, Direktor Lugano Region.

Für die Ausstellungen im Herbst zum Beispiel gibt es ein spezielles Angebot Kunst & Kultur: Bei Buchung von zwei Nächten in der Region erhalten Gäste 20 Prozent Rabatt auf den Aufenthalt und kostenlosen Eintritt ins Museo delle Culture oder die Stiftung Bally. Und beim 4x3-Angebot ist ab vier Übernachtungen eine Nacht gratis. Solche Mehrwerte kommen bei italienischen Gästen gut an. Genauso die kostenlosen Führungen durch das Stadtzentrum zu «versteckten Ecken».

Hinzu kommen die touristischen Stärken der Region, unter anderem die kurzen Entfernungen. «Wer zum Beispiel eine Bergwanderung vom Monte Lema zum Monte Tamaro machen will, hat es nicht weit von der Stadt mitten hinein in die Natur.» Ein Pluspunkt im Markt Italien, genauso wie das Kunst- und Kulturzentrum Lugano Arte e Cultura und die Nachhaltigkeit der Region.


1,88 Nächte blieben die Gäste aus Italien 2019 durchschnittlich im Hotel.

Familienfreundlichkeit nannten 9,7 Prozent als Hauptgrund für ihre Reise.

7,7 Prozent nannten die Ruhe und 6,5 Prozent die Städte.

170 Franken gaben die Reisenden gemäss «Tourismus Monitor Schweiz 2017» im Schnitt täglich aus.

41,6 Prozent der italienischen Gäste übernachten während ihrer Ferien im Hotel.
 

Letztere zeige sich im effizienten ÖV und in authentischen Erlebnissen, welche lokale Traditionen, Produkte und die Gastronomie aufwerteten. Kulinarisch sei für die Zufriedenheit italienischer Gäste schon deshalb gesorgt, weil das Gebiet einst Teil des Ducato di Milano war. «Aus dieser Zeit sind einfache, aber köstliche Gerichte überliefert, die jenen der nahen Lombardei ähneln.»

Zusatzleistungen offerieren und laufend reinvestieren
Im Oberengadin ist es ähnlich. «Die Küche Südbündens ist seit Jahrhunderten eng mit der norditalienischen Küche verflochten», so Ursin Maissen, Geschäftsführer Pontresina Tourismus. «Das hilft, den Geschmack unserer Nachbarn zu treffen.»

Kürzlich durchgeführte Gästebefragungen hätten gezeigt, dass die lokale Gastronomie sehr geschätzt werde. Darüber hinaus fahren italienische Gäste gerne in den Panoramazügen des Bernina-Express oder in den offenen Aussichtswagen samt Frischluft und Fahrtwind.

Sie legen Wert auf hohe Service- und Beratungsstandards sowie die Zuverlässigkeit des ÖV. Was das Thema «teure Schweiz» angeht, so rät Maissen davon ab, über den Preis mit billigeren Tourismusregionen konkurrieren zu wollen. «Das können wir auch gar nicht. Stattdessen versuchen wir, mit Qualität, attraktiven Zusatzleistungen und Wow-Erlebnissen zu überzeugen.» Bezüglich Qualitätserhalt ist Maissen froh, «dass unsere teils sehr traditionsreichen Betriebe laufend in Hard- und Software reinvestieren und neue Investoren auf unsere touristische Zukunft vertrauen». Bei den Zusatzleistungen kommen «ÖV inklusive» und «Bergbahnen inklusive» gut an.

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Wichtig sei, dass die sehr grossräumige Tourismusregion Oberengadin und das Berninagebiet bis Alp Grüm miteingeschlossen seien und viele Beherbergungspartner – Hotels, Parahotellerie und Camping – an den Programmen partizipierten. Bezahlt mache sich beim Markt Italien auch das «reichhaltige Portfolio» an kostenlosen Angeboten und Events. Die Steinbock-Exkursionen, die Waldkonzerte des Kurorchesters oder das Gratisskifahren für Kinder bis 14 Jahre im Familienskigebiet Languard.

Viele Gäste aus Italien besitzen mittlerweile auch Wohneigentum vor Ort, in Pontresina und im gesamten Oberengadin. Maissen sieht darin eine touristische Chance: Ist es im Sommer in Italien zu heiss, weichen italienische Gäste ins klimatisch angenehmere Hochtal aus und arbeiten von dort aus. «Diesen Workation-Trend sollten wir für uns nutzen», so der Geschäftsführer von Pontresina Tourismus. Auch im Winter, wenn es in Norditalien nass und grau sei und die Gäste lieber in ihren Zweitwohnungen im verschneiten Oberengadin den Geschäften nachgingen.

Die italienischen Gäste mögen es, durch unsere grosse Fussgängerzone zu schlendern.
Clea Frei, Projektmanagerin Tourismusamt Neuchâtel

In Neuchâtel übernachten italienische Gäste vor allem im Hotel, aber auch auf Campingplätzen. Die Hauptsaison sind die Sommerferien im Juli und August. Gäste aus Norditalien kommen auch übers Wochenende. Von Mailand aus sind es vier Stunden mit dem Zug, die Autoanfahrt von Turin dauert genauso lange.

Grundsätzlich bevorzugen italienische Gäste eine Mischung aus «dolce vita» und hoher touristischer Qualität, beobachtet Clea Frei, Projekt­managerin Tourismusamt Neuchâtel. Die Stadt biete beides: eine durchgehend entspannte Atmosphäre und eine qualitativ sehr gute Infrastruktur mit vielen Hotels, Campingplätzen und B&Bs.

Angebot erweitern und digitale Techniken nutzen
Die Kombination aus «reichem historischem Erbe», Weingütern und See sieht Frei als Stärke. Genauso die grosse Fussgängerzone: «Die italienischen Gäste lieben es, durch unsere Stadt zu schlendern, die ja einem Freilichtmuseum gleicht.» Aktivitäten am See – Tretbootfahrten oder Spaziergänge auf dem Seeweg – sind auch beliebt. Die Gäste aus dem Nachbarland fahren zudem oft mit der Standseilbahn auf den Chaumont, um die «herrliche Aussicht» auf das Drei-Seen-Land zu geniessen.

Wichtig sei es, die Qualität der Beherbergung und der touristischen Infrastruktur kontinuierlich zu verbessern, um im Markt langfristig attraktiv zu bleiben. So wird die Beschilderung in der ganzen Stadt erneuert und damit die Zugänglichkeit verbessert. Zudem ist der Bau einer Jugendherberge geplant, «was uns die Aufnahme grösserer Gruppen erleichtert und das Angebot an kostengünstigen Unterkünften erweitert».

Frei hält zwei weitere Faktoren im künftigen Tourismus und im Markt Italien für zentral. Erstens Nachhaltigkeit: Immer mehr Gäste wollen einen ökologischen Tourismus und suchen kurze Erholungspausen in der Natur. Zweitens technologischer Fortschritt: Die Stadt positioniere sich als «Smart City», was sich durch interdisziplinäre Projekte nutzen lasse, die Kunst, Tourismus und Wissenschaft miteinander verbänden.

Beispiel: das Projekt «Tour du Fantastique». Hier wird der ehemalige Gefängnisturm basierend auf der Arbeit des Illustrators John Howe in einen Ausstellungs- und Kreativraum verwandelt, der mit viel digitaler Technik ausgestattet ist.


Nachgefragt

Grosse Duschen und bittersüsse Cocktailerlebnisse

Der Niederländer Bart Spoorenberg ist General Manager im 25 hours Hotel Piazza San Paolino, einem modern designten historischen Palazzo im Herzen von Florenz.   [IMG 3]

Bart Spoorenberg, was müssen Zimmer haben, damit sich italienische Gäste wohlfühlen?
Es sollte Kaffee- oder Teezubereitungsmöglichkeiten geben. Dazu grosse Duschen und sehr bequeme Betten. Was italienische Gäste bei uns besonders mögen, sind die Zimmer mit eigenem Garten – da ist man ganz für sich. Obwohl das Hotel mitten im Stadtzentrum liegt, herrscht absolute Ruhe. Ein grossartiger Ort, um einen guten Wein zu geniessen.

Da wären wir gleich beim Kulinarischen. Worauf kommt es da an?
Italiener neigen beim Thema Essen und Trinken nicht zur Abenteuerlust. Sie sind mit einer der bekanntesten Küchen der Welt aufgewachsen und lieben ihr italienisches Essen. In den meisten grösseren Städten Italiens – vielleicht mit Ausnahme von Mailand – sind die Restaurants deshalb auch überwiegend italienisch. Beim Wein ist es ähnlich: Italienische Gäste bevorzugen italienische Weine. Rotweine aus der Toskana oder dem Piemont, vom Chianti bis zum Barolo. Und Weissweine aus dem Friaul oder Sardinien, etwa einen Vermentino. Bei den Schaumweinen sind Franciacorta-­­Weine beliebt.

Was ist beim Service wichtig?
Italienische Gäste legen Wert auf Flexibilität. An feste Öffnungszeiten gebunden zu sein, ist nicht ihre Sache. Sie möchten essen können, wann sie wollen – und wo sie wollen. Auch in der Lobby-Lounge oder im Innenhof. Zudem sollte es kulinarische Optionen innerhalb des Hauses geben. Bei uns kann man bis 9 Uhr abends auch an der Bar etwas essen, das Menü dort unterscheidet sich von jenem im Restaurant. Zusätzlich haben wir den Alimentari, einen kleinen Lebensmittelladen. Dort gibt es Pizza oder einfache Schinkenplatten.

Italienische Gäste möchten essen können, wann und wo sie wollen.

Welche Cocktails werden bei Ihnen gemixt?
Wir haben unter anderem die Negroni Bar. Eine formelle, aber intime, altmodische Cocktail-Bar, die auf den klassischen bitter­süssen italienischen Cocktail spezialisiert ist. Besonders im Trend dieses Jahr: der Negroni mit Mezcal, einem Agavenbrand. Er hat einen schönen rauchigen Flavour. Das Erlebnis besteht aber nicht nur im Trinken der Cocktails, sondern auch in der Auswahl und der Zubereitung. Man unterhält sich mit dem Barkeeper und probiert auch mal etwas Neues aus. Für italienische Gäste genau das Richtige.

Ihr Hoteldesign ist von Dantes «Göttlicher Komödie» inspiriert.
Genau! Überall im Palazzo gibt es Anspielungen darauf – Szenen aus der Hölle oder aus dem Paradies. Was italienischen Gästen sehr gefällt, da sie besondere Erlebnisse suchen und sich überraschen lassen wollen. Der Designerin Paola Navone gelingt dies ausgezeichnet: Sie hat eine verspielte, moderne Interpretation von Dantes berühmtem Werk in einem alten Palast geschaffen. Das Design, dazu der geschichtsträchtige Ort und die vielen recycelten Materialien und Möbel – diese Mischung bereitet italienischen Gästen viel Vergnügen.

Was bieten Sie an Services für Aktivitäten ausserhalb des Hotels?
Italiener lieben es zu flanieren. Besonders ein Spaziergang nach dem Mittagessen gehört dazu. Die meisten unserer italienischen Gäste erkunden die Stadt auf eigene Faust, wir offerieren aber auch geführte Touren. Zu Märkten wie dem Mercato San Lorenzo oder zu kleinen Lokalen mit regionalen Spezialitäten. Dort gibt es Käse, Salami oder die toskanische Brotsuppe Pappa al pomodoro. Wenn italienische Gäste davon kosten, sind sie ganz in ihrem Element.