Das Alpine Museum in Bern zeigt 100-jährige Karteikarten, die das Personal im Grandhotel Waldhaus in Vulpera, Graubünden, über seine Gäste geschrieben hat. Alle Macken, Zicken und Beobachtungen wurden festgehalten. Nur für den internen Gebrauch, versteht sich. 1985 brannte das Grandhotel Waldhaus bis auf die Grundmauern nieder. Eine Ära ging zu Ende – aber die Gästekartei hat überlebt. Rolf Zollinger, der letzte «Waldhaus»-Direktor, veröffentlichte sie 2021 in Buchform.

Historische Karteikarten und zeitgenössische Hotelprofis
Die Ausstellung «Check-in Check-out» zeigt eine Auswahl der Karteikarten im Original. Gleichzeitig spannt sie den Bogen ins digitale 21. Jahrhundert: Die Hotelprofis Claudia Züllig Landolt, Gastgeberin im Hotel Schweizerhof Lenzerheide, Markus Marti, Direktor des Grand Hotel Zermatterhof, und Claudia Schmid von der Hotelfachschule EHL in Passugg thematisieren die Gastfreundschaft von heute und sprechen über Empathie, «Affec­tive Hospitality», das Prinzip der Bewertung sowie die vielfältigen Anforderungen, die durch die internationale Kundschaft heute an Gastgeber gestellt werden. Ein weiteres Detail aus der Moderne: Die Besuchenden sind aufgefordert, die Ausstellung und das Alpine Museum der Schweiz auf Tripadvisor zu bewerten.

Was in Museen meist verboten ist, ist im Alpinen Museum erwünscht.

Was in Museen meist verboten ist, ist im Alpinen Museum erwünscht. Im Ausstellungsraum serviert das Museumsrestaurant Las Alps von Montag bis Freitag auf Wunsch ein Mittagessen für vier bis acht Personen. Die Ausstellung «Check-in Check-out» wird so zum 360-Grad-Eindruck über Gastfreundschaft.

Originale Karteikarten
Die Einträge in der Gästekartei des «Waldhaus Vulpera» lassen schmunzeln und stimmen nachdenklich.
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Die Ausstellung «Check-in Check-out – alles über die Gastfreundschaft» im Alpinen Museum in Bern dauert bis 19. Mai 2024.


Nachgefragt bei Rolf Zollinger

Wie haben die Karteikarten den Brand im Grandhotel Waldhaus Vulpera überlebt?
Die frühen Karteikarten waren in drei hölzernen Kisten alphabetisch geordnet abgelegt und im Dachstock des Wohnsitzes der Generaldirektion ausserhalb des Hotels eingelagert. Diese wertvollen Dokumente blieben so vom Feuer verschont. Die aktuellen Karteikarten dagegen wurden durch den Brand zerstört.   [IMG 2]

Was hat Sie motiviert, die Karten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen?
Dies brauchte einige Überzeugungsarbeit durch den Fotografen Lois Hechenblaikner. Ich zweifelte nämlich lange an der Veröffentlichung dieser doch sehr persönlichen und heiklen Daten unserer Gäste. Lois Hechenblaikner liess aber nicht locker, bis ich dem Projekt dann doch zustimmte.

Was haben die Karten ausgelöst?
Viele positive Reaktionen. Beim Durchlesen des Buches wird dem Branchenfremden richtig bewusst, was es hiess, Gäste über eine längere Zeit zu betreuen. Es sind die vielen Gesichter der Tourismuswirtschaft, die Begegnungen zwischen Reisenden und Bereisten, das Zweifeln und Verzweifeln. Alles lässt sich in persönlichen Kommentaren auf den Karteikarten wiederfinden.

Ich war unsicher, wie jüdische Kreise darauf reagieren würden.

Haben sich auch Nachkommen der Gäste gemeldet?
Was für tolle Kontakte, Telefongespräche mit Nachkommen voller Erinnerungen an ihre Vorfahren! Auch der Schriftverkehr mit namhaften Nachkommen von Friedrich Dürrenmatt war interessant. Sie konnten vieles über seine Aufenthalte im «Waldhaus Vulpera» berichten.

Gab es negative Reaktionen?
Es war vorauszusehen, dass das Buch Kritik auslösen würde. Ich war unsicher, wie jüdische Kreise darauf reagieren würden. Der erste Zeitungsartikel nahm dann auch Bezug auf antisemitische Äusserungen auf den Karteikarten. Im Nachgang waren es vorab viele jüdische Organisationen, die uns zur Veröffentlichung gratulierten. Das Thema Antisemitismus muss offen und nicht hinter vorgehaltener Hand ausdiskutiert werden.

Wo und von wem wurden die Karteikarten geschrieben?
Die Karteikarten mit den Details zu den Gästen wurden an der Réception geschrieben und verwaltet. Die Autoren waren Concièrges, Réceptionisten, Chefs de Service und andere Kaderleute.

Früher bewerteten die Hotels die Gäste, heute ist es umgekehrt. Was sagen Sie zu dieser Trendwende?
Auch heute noch werden Statistiken über die Gäste geführt. Sicherlich nicht mehr so detailliert, wie dies in der Zeit der Karteikarten der Fall war. Dass die Gäste die Dienstleistungen der Hotels bewerten, hat gute Seiten. Was ich nicht verstehe, sind die zum Teil abschätzigen Bewertungen.

Warum beschwert sich der Kunde nicht direkt vor Ort? Damit können Ungereimtheiten umgehend korrigiert und aus der Welt geschaffen werden. So, wie es die jüdische Kultur macht. Gibt es Anlass zu einer Beschwerde, teilt der jüdische Gast dies direkt mit. Diese Art und Weise wurde und wird zum Teil missverstanden. Unsere Kultur frisst die Unzufriedenheit in sich hinein und gibt sie später über eine Plattform zum Besten.

Rolf Zollinger, letzte Hoteldirektor des Grandhotel Waldhaus Vulpera und Autor des Buchs «Keine Ostergrüsse mehr!»